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Die geschichte von der kleinen robbe, die von dem blinden matrosen eines thunfischfängerbootes gerettet wurde ist erfunden. Die geschichte von dem mädchen, die angeblich den polizei-schäferhund ihrer tante ersteigert hat, die bei einer schießerei in einem supermarkt gestorben ist, ist erfunden. Die geschichte von dem präsidenten, der sich beim urinieren umdrehte und dabei sein glück fand ist nicht erfunden. Anders die geschichte von dem biber, der sich beim bau seiner burg in eine waschbärin verliebte, seine familie im stich ließ und eine artumwandlung mit sich durchführen ließ – die ist erfunden. Ebenso die geschichte vom wolf, der zwanzig schafe gerissen hat, bevor er sich eines besseren besann und beim toxischen forstrat um vergebung bat. Die geschichte von dem kleinkind, das von einem alligator gefressen wurde, der anschließend von einem polizisten erschossen und einem tierpräparator ausgestopft wurde, der ihn den eltern schenkte, die den ausgestopften alligator jetzt im kinderzimmer aufgestellt haben und langsam eine emotionale beziehung zu ihm aufbauen, die könnte allerdings wahr sein, wenn sie nicht erfunden ist.
Was als kontingent durchschaut ist, erscheint aus der Perspektive dessen, der auch Alternativen kennt (und das heißt: aus historischer und kulturvergleichender Perspektive) als arbiträr – arbiträr nicht innerhalb des jeweiligen epistemischen Horizonts, wohl aber von einer (und sei es simulierten) Position außerhalb dieses Horizonts.
Monika Schmitz-Emans Enzyklopädische Phantasien, 18

hebungen, senkungen
